Bauchnabelschau, Dilettantismus und Autonomie im Web (Forts.)

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Zweifellos ganz nett sind solche Privatsammlungen und ganz sicher so wenig außergewöhnlich wie eine Vorliebe für Monty Python und die Rolling Stones bei 24-jährigen College-Studenten. Doch was hier geschwätzig an ästhetischem Alltagsbrei durchs INTERNET fließt, besitzt mehr als nur humoristischen Wert. Die Web-Archive aus privater Hand sind Belege einer medial transformierten Kultur des Sammelns, Zeigens und Ausstellens.

Im Gleichschritt mit der Verschiebung des Trägermediums der Fotographie (von der Platte über den Film und das Fotopapier zu CD, Diskette und vernetzten Speichern) wandelte sich auch die Archivierungsform von fotographischen Bildern und deren ästhetische Ausrichtung. Diese wie jene unterliegen im Zeitalter der digitalen Medienkultur einem Ensemble von Rahmenbedingungen, die gewisse Erscheinungsformen begünstigen, andere ausschließen oder signifikant zurückdrängen. Eine der prosperierendsten Formen der Foto-Sammlung im öffentlichen Bereich ist das WorldWideWeb-Fotoarchiv. Giga-Bytes von Portraitmaterial, Landschaftsfotographie, Pornographie, Haus- und Heim-Seligkeit füllt die Speicher der internationalen Provider und zeigt wie die "Family of Man" im elektronischen Zeitalter aussieht, aussehen möchte oder auszusehen vorgibt. Die Projekte, private Fotographie am Netz auszustellen, rangieren von unbekümmert-ungeschickter Knipserei mit Vorliebe für das Skurile und das liebe Ich bis hin zu künstlerisch avancierten Projekten. Die nachfolgend vorgestellten Beispiele umspannen eben jenen Bogen und reichen - wenn auch nicht vom Lächerlichen zum Erhabenen - so doch zumindest vom Heiteren bis zum Beachtenswerten.

John Hopkins, ein in Alaska geborener Fotograph und Medienkünstler, der nach Stationen in Arizona und Kalifornien mehrer Jahre an der Kunsthochschule in Reijkavik unterrichtete, beschreibt in seinen "neoçenes" genannten Webpages Reiseerfahrungen und Eindrücke von intensiven Orten, Häusern und Menschen. Die Qualität Hopkinscher Beobachtung liegt in der subtilen Transformation einer ikonographischen Konstante, die sich gleichmäßig durch seine Reisestationen zieht, um sich permanent zu wandeln: John Hopkins selbst. Es ist nicht nur die Kleidung, die vom Norwegerpullover zum T-Shirt wechselt oder die Haar- und Bartlänge, sondern auch der Gesichtsausdruck, die Gestik und die Körperhaltung. Auf diese Weise Gleiches stets anders zeigend weist Hopkins mit den Mitteln serieller Portraitphotographie auf die Möglichkeit, Zeitlichkeit in gefrorener Zeit aufheben zu können. Der Mechanismus, der die Aufmerksamkeit in den Hopkinschen Webseiten auf die leisen Differenzen von Gesichtszügen, Gesten und Klimata lenkt, heißt Artifizialität: Der Bildaufbau der Images gemahnt an Gemälde, nicht an Schnappschüsse. Bildkonstruktion, Hintergrund, Pose und Licht erscheinen wie gemalt, zumindest sorgsam gewählt, nie aber unmittelbar. In diesem Punkt unterscheiden sich die "neoçenes" von den Homepages der Collegeboys und -girls, die sich unmittelbar, unbegriffen und in spontaner Selbstbezüglichkeit aufs Netz und ins Netz werfen.

Fortsetzung