Bauchnabelschau, Dilettantismus und Autonomie im Web

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von Mathias Fuchs

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift EIKON)

Das World Wide Web setzt mit seinen Möglichkeiten größter Publizität bei kleinstem Herstellungs-Aufwand soziale Routinen in Gang, die den komplexen Mechanismen des Ausstellungsbetriebes diametral entgegengesetzt sind: Jeder kann und darf, kein Filter gängiger Normen und ästhetischer Codes bewahrt vor Peinlichkeit, Entgleisung oder grobem Mißgriff. Keine Formhürden oder Syntaxgräben trennen die Hoch- und Weitspringer von den Hüpfern, den Stolperern und den eben so Dahingehenden.

Gleichzeitig beschert der Mangel jeder ästhetischen Codifizierung, der Rekurs auf Clichés und Tolldreistigkeiten aber auch Ungeahntes. In den privaten Sammlungen des INTERNET, den Webseiten der Wohnzimmer-Ästheten und Selfmade-Artisten finden sich Éclats, Banalitäten und Inventionen, die die Vorhersehbarkeiten gängiger Galeriepraxis in den Schatten stellen. Die Offenheit privater Ausstellung, die von Darstellung über Verstellung bis hin zur Exhibition reicht, zeigt Intensitäten der Privatheit, die inszenierte Einblicke künstlerischer Natur oft überholen. Was private Sammlungen so interessant macht, und das Archiv eines Müller oder Meier oft dem eines Rockefeller überlegen erscheinen läßt, ist die Möglichkeit des gedoppelten Blickes auf das Material und den Urheber. Müllers oder Meiers Fotosammlung erweist im Inseinsfallen des Fotographen mit dem Aussteller und Referenten - oft auch dem Rezipienten - eine Dichte der kommunikativen Ströme, die elaborierten Ausstellungskonzepten oft mangelt.

Zitat aus einer fotographischen Privatsammlung im Web: "Willkommen auf meiner Webpage! Hoffe, Du hast eine Menge Spaß damit! Ich bin 24 Jahre alt, lebe 45 Minuten von Philadelphia entfernt und habe gerade "summa cum laude" das Montgomery Community College abgeschlossen. Was werde ich in nächster Zeit tun? Also ich werde sicher Astronomie und irgendetwas mit Computern studieren. Wessar College hat mich aufgenommen, mal sehen ... Jedenfalls interessiere ich mich für Astronomie, Physik, Computer, Politik, Rock (Peter Gabriel, Sting, Paul Simon, Pink Floyd, die Stones und viele andere). Dann bin ich natürlich scharf auf Raumschiff Enterprise, Mystery Science Theater 3000, Monty Python und Douglas Adams. Dieser Typ hat mit seiner Sicht des Universums und mit Büchern wie "Hitchhiker's Guide to the Universe" mich dazu bewogen, mir selbst das Pseudonym "Zaphod" zu geben. Ich bin Mitglied der Planetarischen Gesellschaft, der Nationalen Raumbehörde und der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Übrigens, wenn Ihr Euch wundert, was der Hintergund dieser Webseiten ist, es ist eine Supernova im System NGC6543. Dachte, das wäre ganz nett. "

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